«Tue dein Bestes und kompensiere den Rest»

CO2-Kompensationen von Unternehmen werden in der Öffentlichkeit kritisch beurteilt. Klimaforscher Reto Knutti hat nichts dagegen einzuwenden, äussert aber trotzdem Bedenken.

CO2-Emissionen zu kompensieren, ist heute besonders bei Unternehmen gängige Praxis. Häufig werden dazu Projekte aus dem Ausland unterstützt: So können beispielsweise Familien in Asien oder Afrika mit energieeffizienten Kochern ausgerüstet werden. Dadurch müssen sie ihr Essen nicht mehr über dem offenen Feuer zubereiten. Das reduziert den Brennholzbedarf, die Abholzung und damit den CO2-Ausstoss. Spätestens seit Beginn der Klima-Jugendbewegung sind diese Methoden in den öffentlichen Diskussionen angekommen. Und sie werden durchaus kritisch gesehen: Ist es moralisch vertretbar, dass Schweizer Unternehmen ihr klimapolitisches Gewissen mithilfe von Drittweltländern beruhigen? Sollten wir nicht als Vorbild vorangehen und uns um unseren CO2-Ausstoss selber kümmern?

«Heute ökonomisch sinnvoll»
Reto Knutti, Klimaforscher an der ETH Zürich, hat aus wissenschaftlicher Sicht nichts gegen Kompensationen einzuwenden. «Wenn an einem Ort auf der Welt jene Menge CO2 eingespart wird, die anderswo ausgestossen wird, reduziert das die Bilanz.» Will heissen: Es ist nichts Verwerfliches daran, Projekte im Ausland zu unterstützen. Zudem seien Kompensationen im Ausland im heutigen System günstig zu erwerben. «Für wenig Geld lässt sich so enorm viel CO2 kompensieren. Das Reduktionspotenzial ist gerade in Entwicklungsländern sehr viel grösser als bei uns. Wir sind schon sehr effizient.» Dafür ergebe sich bei uns der Nutzen von neuen Arbeitsplätzen, besserer Luft oder moderner Infrastruktur.

Trotzdem äussert der Klimaforscher Bedenken am Kompensationsprinzip. Vor allem bei Projekten im Ausland sei die Kontrolle oft sehr schwierig. «Es stellt sich die Frage: Kommt das Projekt tatsächlich nur wegen der finanziellen Unterstützung zustande? Oder wäre dieses Projekt mit der entsprechenden CO2-Reduktion ohnehin realisiert worden? In diesem Fall wäre die Menge doppelt gezählt und nicht eingespart worden.» 

 

Absurd hohe Preise
Mittel- bis langfristig sieht Reto Knutti diese Reduktionsmöglichkeit komplett infrage gestellt. Im Rahmen des Pariser Klimaabkommens müssten alle beteiligten Länder ihren CO2-Ausstoss bis etwa 2050 auf null reduzieren. Das gilt auch für Entwicklungsländer, was bedeutet, dass diese in Zukunft immer weniger Projekte für ausländische Beteiligungen anbieten könnten. Knutti: «In 10, 15 Jahren werden die Preise für Kompensationen im Ausland absurd hoch sein – langfristig wird es diese Möglichkeit gar nicht mehr geben.» Einstweilen rät der 46-Jährige zu einem pragmatischen Vorgehen: «Ich selber bemühe mich zwar, möglichst wenig zu fliegen, komme aber im Rahmen meiner Tätigkeit nicht ganz darum herum. Grundsätzlich gilt: Tue dein Bestes und kompensiere den Rest.»

Unterstützung von inländischen Projekten
Genau das macht die GVB Gruppe auch: Ziel ist es, so wenig CO2 wie möglich zu verursachen und den Rest zu kompensieren. Im Rahmen ihrer Klimastrategie reduzierte das Unternehmen seinen CO2-Ausstoss in den vergangenen 10 Jahren bereits um mehrere Hundert Tonnen. 2018 belief er sich noch auf rund 400 Tonnen (2007: 668 Tonnen). Das entspricht noch rund 1,3 Tonnen pro Mitarbeiter. Und das wird kompensiert. Und zwar nicht im Ausland, sondern in der Deutschschweiz. Unterstützt wird dabei ein Projekt von Swiss Climate, welches nur dank des Verkaufs der CO2-Zertifikate umgesetzt werden kann. Ziel des Projektes ist es, aus dem Hofdünger von 11 Bauernhöfen Strom und Wärme zu erzeugen und gleichzeitig die Emissionen von Methan, einem deutlich stärkeren Treibhausgas als CO2, zu reduzieren.